Mittwoch, 8. Juli 2015

Mittwoch - love life


Als unsere 2. Tochter anderthalb Jahre alt war, hatte ich ein Vorstellungsgespräch. In der Nacht davor habe ich unglaublich wenig Schlaf bekommen. Das kleine Kind bekam Zähne und das große Kind hatte einen Alptraum. Da war mit Schlaf Essig. Am nächsten Morgen quetschte ich mich in die einzige Jeans ohne Möhren- und Sandkastendauerflecken, stellte voller Freude fest, dass der Knopf tatsächlich schließbar war (die Jeans hatte ich noch aus der Zeit vor den Kindern und ich habe sie im Schrank auch heute noch als Erinnerung wie schlank ich mal war - heul). Ich muss nicht erwähnen, dass sich ein kleiner feiner Rillenberg an Hautlappen über den Bund legte... Also zog ich eine Bluse drüber, die das kaschierte und einen Blazer. Im Halbdunkel des Badezimmers bemerkte ich zu spät, dass ich Mitbringsel sowohl an Bluse als auch am Blazer vom Frühstück hatte. Und in der Freude der Stunde des Abschiedes rupfte mir das große Kind - sie war damals sehr anhänglich - auch noch den obersten Knopf des Blazers ab.

Kurz: ich sah scheußlich aus. Tiefe Augenringe, mit Butter verschmierte Kleidung, Hautlappen über der Hose und die Frisur war auch ein halbes Jahr - also schnittfrei.  Bevor ich in das Haus ging, um mich vorzustellen, erblickte ich mein Konterfei im Spiegel eines Drogeriemarktes und mein gesamtes Selbstbewusstsein - das mit Ende 20 eh nicht besonders groß war, war weg.

Seis drum, dachte ich, kaufte make up, das ich vergessen hatte, Feuchttücher ohne Lotion und eine schönen Lippenstift. Ich stellte mich vor den gleichen Spiegel, entfernte die Fettflecken, legte das Make-up auf, zog den Lippenstift nach und versuchte mit Haargel eine ansprechende Frisur zu legen... den Faden des fehlenden Knopfes zog ich raus und legte in das Loch ein kleine Brosche, die es in diesem Drogeriemarkt on sale gab. Der Blazer ließ sich schließen und die Hautschicht verschwand.

Die Personalmanagerin war eine Frau, Anfang 40, keine Kinder, sehr sehr adrett. Sie fragte mich, ob ich belastbar sei.. und ich sagte: ich habe zwei Stunden geschlafen, meine jüngste Tochter zahnt, die älteste hatte Alpträume, die einzige Jeans ohne Möhren- oder Sandkastenflecken ist mir zu eng, aber ich habe mich trotzdem rein gequetscht, was mir langsam Bauchweh bereitet, beim Abschied haben meine Kinder ihre Butterfinger an meiner Bluse und am Blazer abgewischt und als ob das alles noch nicht reichen würde, fehlt mir seit heute Morgen der oberste Knopf, denn er wurde mir abgerissen... also ja, ich denke, ich bin belastbar. Sie musste so sehr lachen, dass ich schon dachte, das war's. Aber ne. Sie streckte die Hand aus und sagte. Ich sehe keine Augenringe, ich sehe keine Fettflecken,  ich merke nicht, dass ihre Hose zu eng ist... also entweder können sie zaubern oder sie sind belastbar.. aber in jedem Fall hier richtig.... und ich habe diesen Job wirklich gerne gemacht!

Kommentare:

  1. so eine feine geschichte.
    und eine wunderbare antwort auf die belastbarkeitsfrage, die man sich merken sollte.

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  2. Großartig. Das ist die beste Antwort EVER! Und wenn die Chefin das zu schätzen wusste, dann kann sie nicht so verkehrt gewesen sein. LG mila

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